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Versorgungssicherheit für Europa

 

Die Sicherung des heimischen Energiebedarfes ist längst keine nationale Angelegenheit mehr. Der Schwund an fossilen Brennstoffen und der Verschärfung der Klima- Diskussion machen Energiepolitik zum EU-Thema. Eine einheitliche Vorgangsweise ist aber noch immer nicht in Sicht.

Wenn es noch eines Donnerschlags für die Alarmierung der europäischen Energiepolitik bedurft hatte, dann erfolgte er spätestens am 6. Jänner dieses Jahres. Russland hatte der Ukraine und in späterer Folge allen zentralund südosteuropäischen Empfängerländern den Gashahn abgedreht. Genau 13 Tage lang blieben die Pipelines am zentraleuropäischen Verteilerzentrum Baumgarten (Machfeld) ohne Druck.

Österreich durchtauchte die Gaskrise ohne Einschränkungen. Im Alpenland können derzeit über 2,5 Mrd. m3 Erdgas bevorratet werden, was rund einem Drittel des Jahresbedarfes entspricht. Nicht alle Länder waren so vorausschauend:

In Sofia oder Sarajewo blieben die Wohnungen kalt, die Slowakei verzichtete nur knapp auf das Hochfahren des abgeschalteten Blocks II seines alten Atomkraftwerkes in Bohunice.

Die Gaskrise machte endgültig klar, dass die einst unverbrüchliche Liefertreue der Sowjetunion einem geostrategischen Kalkül des modernen Russlands gewichen ist – mit allen Unwägbarkeiten. Die Sicherheit der Energieversorgung ist heute in allen Industrienationen ein gefragter Wert – und bei der Energieaufbringung auf nationaler Ebene nicht mehr lösbar. Fossile Brennstoffe werden dabei mittelfristig unverändert jene Energie liefern, die die Weltwirtschaft antreiben wird. Der Zugriff darauf wird aber zunehmend teurer – ökonomisch und politisch.

OMV Gastanks

EU-Importe wachsen

Energiefragen sind heute Angelegenheiten der Weltpolitik.

TÜV AUSTRIA überwacht Pipelineausbau der WAG I

Nach Daten der Internationalen Energieagentur (IEA) wird der Energieverbrauch bis 2030 um 50 % steigen, die CO2- Emissionen sogar um 57 % .

Infolge ihres fortgesetzt starken Wirtschaftswachstums werden China und Indien knapp über die Hälfte des Anstiegs des weltweiten Primärenergieverbrauchs zwischen 2006 und 2030 auf sich vereinen.

Dazu die Details:

Fossile Energieträger machen in diesem Szenario in 2030 80 % des weltweiten Primärenergiemix aus, etwas weniger als heute. Mineralöl bleibt die wichtigste Energiequelle, auch wenn der Kohleverbrauch in absoluten Zahlen stärker steigt als der Verbrauch aller anderen Energieträger.

Etwa 85 % des Anstiegs des weltweiten Kohleverbrauchs sind dem Kraftwerkssektor in China und Indien zuzuschreiben.

Für die rohstoffarmen Industrienationen Europas bleibt die Versorgungssicherheit die Achillesferse aller Wirtschafts- und Entwicklungsprognosen.

Die Abhängigkeit der EU von Energieimporten wird sich von derzeit 50 % auf 65 % erhöhen. Bei Erdgas steigt die Importabhängigkeit bis 2030 sogar von 57 % auf 84 %.

Erdgas für 60 Jahre

Derzeit kommen 90 % der EU-Gasimporte aus drei Ländern: Russland, Norwegen und Algerien – kein ideales Versorgungsszenario. Für die Diversifizierung der Transportfrage und der Bezugsländer von Erdgas werden je nach Lieferanten- oder Kundeninteresse unterschiedliche Projekte verfolgt. Neue Versorgungslinien sollen den Nachschub sichern. Die geplante Nabucco-Leitung soll Gas vom Kaspischen Meer in Umgehung Russlands nach Europa transportieren. Damit würde Erdgas des Irans, mit Reserven von 27 Mrd. Kubikmetern zweitgrößter Hoffnungsträger nach Russland, direkt für den westeuropäischen Markt verfügbar werden – ohne Maßgabe des russischen Energiekonzerns Gazprom. Die rund 3.300 Kilometer lange Pipeline soll 2013 in Betrieb gehen.

Daneben existieren zwei Alternativprojekte: Über die Gaspipeline South Stream zwischen Russland und Italien soll Südeuropa mit Erdgas versorgt werden. Das Projekt im voraussichtlichen Gesamtwert von 14 Milliarden Euro wird von Gazprom und dem italienischen Energieversorger Eni auf Paritätsgrundlage realisiert. Die ersten Lieferungen sind für 2013 geplant. Die Ostsee-Pipeline Nord Stream soll von der russischen Portowaja-Bucht nahe Wyborg an der Grenze zu Finnland bis nach Greifswald an der deutschen Ostseeküste gebaut werden. Der erste 1.200 Kilometer lange Strang wird voraussichtlich 2011 in Betrieb genommen.

Nach der Fertigstellung des zweiten Stranges soll die Kapazität künftig auf 55 Milliarden Kubikmeter im Jahr steigen. Gazprom hält 51 % der Anteile am Projektbetreiber Nord Stream. Glaubt man den Prognosen des World Energy Outlooks 2008 (WEO), der weltweit prominentesten unter den zahllosen Energieprognosen, dann belaufen sich die verbleibenden nachgewiesenen Gasreserven auf 180 Milliarden Kubikmeter, was bei den derzeitigen Förderquoten für rund 60 Jahre ausreicht. Über 56 % der globalen Reserven konzentrieren sich auf drei Länder – Russland, Iran und Katar – und fast die Hälfte auf nur 25 Gasfelder weltweit – eine Herausforderung an die europäische Energiepolitik.

Öl als Antriebsmittel

Eine Fokussierung auf die Gassituation ist verfehlt. Öl deckt in der Regel etwa 40 bis 50 % der primären Energienachfrage in allen 28 EUMitgliedsstaaten ab und bleibt die Nummer 1 unter den Energieträgern.

OMV Pumpstation

Ein Ölpreis von 140 Dollar pro Barrel, wie er im Juni des vergangenen Jahres zu verzeichnen war, hat vergleichbare Folgen wie der Dreh am Gashahn. Der aktuell niedrige Ölpreis von unter 50 Dollar wird allerorts als temporäre Erscheinung qualifiziert, die sich rasch wieder ändern wird. Für 2030 rechnet der WEO mit einem Preis von 200 Dollar pro Fass. Die gesamten weltweiten Ölvorräte belaufen sich Schätzungen zufolge auf rund 1,2-1,3 Milliarden Barrel. Dies ist ausreichend, um die Welt bei den derzeitigen Verbrauchsraten noch über 40 Jahre mit Öl zu versorgen.

Österreichs Situation ist in der Erdölfrage ausgeglichener als beim Erdgas, wo 60 % der Lieferungen aus Russland stammen: Es verfügt bei diesem Energieträger über eine differenziertere Bezugssituation. Zwar müssen auch hier mehr als 60 % des Bedarfes von rund 12 Mio. Tonnen importiert werden (Import 2007: 7,642 Mio t). Diese Lieferungen kamen aber aus insgesamt 17 Ländern. Die wichtigsten Rohöllieferanten für die heimische Mineralölversorgung waren Kasachstan (1,83 Mio t), Libyen (1,73 Mio t), der Irak (0,9 Mio t) und Syrien (0,67 Mio t). Die Rohölmenge aus diesen Lieferländern macht mehr als zwei Drittel der gesamten Bezugsmenge aus, die fast gänzlich per Pipeline (TÜV Kunde Transalpine Pipeline TAL und Adria Wien Pipeline AWP) vom Ölanlandehafen Triest zur Raffinerie nach Wien-Schwechat gepumpt wird.

Stromimporteur Österreich

Aus Sicht der Versorgungssicherheit ist Strom das schwierigste Thema. Anders als Erdgas oder Öl lässt sich Strom nicht bevorraten – von den wertvollen Speicherkraftwerken zur Lieferung von Spitzenstrom einmal abgesehen. Die Netzzusammenbrüche in den USA und – in kleineren Dimensionen – in Spanien, Norwegen oder Irland zeigten die Plötzlichkeit und die Auswirkungen, die regional übergreifende Stromabschaltungen mit sich bringen. Da Strom nicht ohne dafür geschaffene Infrastruktur (Netze und Umspannanlage) vom Kraftwerk zum Kunden transportierbar ist, kommt den Stromleitungen ebenfalls eine besondere Rolle hinsichtlich Versorgungssicherheit zu.

Das Verbund-Kraftwerk Greifenstein produziert jährlich 1,7 Milliarden Kilowattstunden Strom aus Wasserkraft

Österreich ist durch ein eng verbundenes Hoch- beziehungsweise Höchstspannungsleitungsnetz gekennzeichnet, das stark in das europäische Verbundnetz integriert ist. Die Zugehörigkeit zu einem hochsensiblen europäischen Netz zeigte sich im November 2006, als Teile von Deutschland, Frankreich, Belgien, Italien, Österreich, Spanien teilweise bis zu 120 Minuten ohne Strom waren, und sogar in Marokko waren die Auswirkungen spürbar. Die Ausfallzeiten betrugen in Österreich durch die Krisenintervention der heimischen Energieversorger allerdings nur Sekundenbruchteile und in manchen Regionen bis zu einigen Minuten – alles nur wegen einer fehlgelaufenen Abschaltung in Norddeutschland.

Frische Kapazitäten

Österreich deckt rund drei Vier tel seines Stromverbrauchs aus eigenen Quellen (44 % Wasserkraft, 29 % Wärmekraft, 2,5 % erneuerbare Energie). Eine sichere Stromversorgung ist in Österreich im Gegensatz zu vielen anderen Ländern eine Selbstverständlichkeit.

Damit dies so bleibt, sind nach Ansicht der E-Control allerdings rasche Maßnahmen notwendig. „Unsere Erhebungen weisen eine jährliche Stromverbrauchszuwachsrate von 1,8 % auf. Dieses Wachstum muss durch den Ausbau von Kraftwerken und Netzen kompensiert werden, denn nur so kann die Aufrechterhaltung der Versorgungssicherheit gewährleistet werden“, erklärt Walter Boltz, Geschäftsführer der Energie-Control GmbH. Pläne und Projekte liegen bei den Energieversorgern bereits in der Schublade: Bis zum Jahr 2017 sollen neue Kraftwerke 5.633 MW in das heimische Netz einspeisen können, wobei sich rund 2.693 MW auf Wasserkraftwerke und rund 2.940 MW auf thermische Kraftwerke beziehen sollen.

Neben der ökonomischen und technischen Planung brauchen Kraftwerke allerdings auch den politischen Vorschub. „Es muss auch von Seiten der involvierten Behörden eine zügige Genehmigung und Abwicklung derartig wichtiger Projekte gewährleistet werden“, fordert Boltz.