Gastkommentar:Europäische Energiepolitik als strategische Herausforderung | |
Jahrzehntelang war das Vorhandensein ausreichender Energie für die meisten OECD-Länder selbstverständlich, und im Bewusstsein der meisten Menschen war die Sorge um Energie bzw. Energiepolitik kein Thema.
Das hat sich in den letzten Jahren drastisch geändert, besonders durch die Liberalisierung der Energiemärkte, den angekündigten Ausstieg einiger EU-Länder aus der Atomstromerzeugung, die Konflikte im Nahen Osten, den zunehmenden Islamismus sowie in Österreich die spezifische Debatte um „unser Wasser“ und den erfreulich gestiegenen Informationsstand zum Thema umweltschonende und sparsame Verwendung von Energie.
Vor dem Hintergrund meiner langjährigen Tätigkeit in der Energiewirtschaft – von Öl und Gas über alle Arten von erneuerbaren Energieträgern bis zum Strom – finde ich diese Entwicklung sehr positiv, denn nun wird sich aus diesem Problembewusstsein eine entsprechende Energiepolitik entwickeln. Und zwar sowohl in Österreich als auch – noch viel wichtiger – auf europäischer Ebene. Denn besonders durch das Auftauchen neuer asiatischer Großverbraucher, wie China und Indien, auf dem Energiemarkt ist die Notwendigkeit einer konzertierten, europäischen Energiepolitik deutlich geworden.
Energie gehör t wie Bildung, Infrastruktur und Sicherheit zu den wichtigsten strategischen Herausforderungen jeder Volkswirtschaft. Viele Fachstudien zeigen, dass der Energieverbrauch weiter steigen wird, das heißt, die Nachfrageprognosen sind klar. Weitgehend offen ist, wie man diese Nachfrage abdecken kann. Deshalb ist es meines Erachtens unbedingt notwendig, im Rahmen einer europäischen Energiepolitik folgende Bereiche zu klären und mit entsprechenden Aktionen umzusetzen.
Die langfristige Versorgung Europas sichern
Ein europäischer Masterplan – im Zusammenspiel der nationalen Pläne – ist notwendig und für die Hauptenergiesparten zu erstellen. Strategische Projekte kann man bekanntlich nicht früh genug beginnen, weshalb man die Prognosen der Experten ernst nehmen und endlich national die notwendigen Aktionen und Investments vornehmen muss. Abgeschriebene Kraftwerke etwa bieten Kostenvorteile, tragen aber die Notwendigkeit zu Neuinvestitionen in sich. Ein weiteres, wichtiges Beispiel im Rahmen der Stromversorgung ist der Ausbau der grenzüberschreitenden Leitungen, um auf Problemsituationen international besser reagieren zu können.
Förderung des Wettbewerbs auf allen Energiemärkten
Preiskämpfe in der Erdölwirtschaft sind wohl bekannt, aber wie sieht es im Strom- und Gasgeschäft aus? Allein in Österreich könnte man durch die Umsetzung lang beschworener Synergien und Rationalisierungen – ähnlich der Ölindustrie – ein beachtliches Potenzial für Preissenkungen und damit zur Absicherung des Standortes Österreich nutzen. Ausdrücklich möchte ich hier die Forcierung der erneuerbaren Energieformen, besonders Solar und Biomasse, erwähnen.
Nachhaltigkeit mit Augenmaß
Energie, Umweltschutz und Wirtschaft stehen so eng miteinander in Beziehung, dass man die entsprechenden Aktionen national wie international gut abgestimmt setzen muss. Aber was wäre die beste Politik, wenn sie nicht von den EU-Bürger getragen, gefordert und gefördert würde. Regierungen und Energiefirmen sind sehr wichtig, aber die Macht der kleinen Schritte gilt auch im Sektor Energie. Jeder kann etwa durch sparsames Umgehen mit Energie (etwa Standby-Vermeidung), durch Einsatz von neuen Wohnkonzepten, kluge Fahrzeugnutzung u.ä. seinen Beitrag leisten. Daher möchte ich mit diesem Plädoyer für eine Art individueller Energiepolitik abschließen.
Autor:
Mag. Dr. Paul Jankowitsch