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Klimawandel:

Massive Wetterveränderungen sind unvermeidbar

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Dr. Klaus Radunsky leitet die Stabstelle Internationaler Klimaschutz im Umweltbundesamt und vertritt das Bundesministerium für Umwelt in zahlreichen internationalen Gremien, wie dem Intergovernmental Panel on Climate Change oder der Annex I Expert Group der OECD. Im Interview mit TÜV TIMES spricht er über Folgen des Klimawandels für Österreich.

TÜV Times: Es geht um unsere Kinder. Unter welchen Klimaverhältnissen werden sie in Österreich in 50 Jahren leben, wenn sich die Rahmenbedingungen nicht ändern?

Dr. Radunsky: Er wird massive Änderungen im Klima erleben, wenn man so weiterwirtschaftet wie bisher. Wir haben von Mitte des 19. Jahrhunderts bis Ende des 20. Jahrhunderts eine Zunahme in der globalen Temperatur von ca. 0,8 Grad verzeichnet. Dabei hat es in den letzten Jahrzehnten allerdings eine starke Beschleunigung der Entwicklung gegeben. Das heißt: Die Änderung, die wir im 20. Jahrhundert gehabt haben, ist nur ein Vorgeschmack dessen, was wir in den kommenden Dekaden zu erwarten haben.

TÜV Times: Was bedeutet es, wenn die globale Temperatur um ein Grad steigt?

Dr. Radunsky: Lassen Sie es mich anders ausdrücken: Wenn die Temperatur um fünf Grad steigt, dann entspricht dies der graduellen Änderung, die den Unterschied zwischen der letzten Eiszeit und ihrem Ende, der jetzigen Warmzeit, ausmachte.

TÜV Times: In welchem Szenario befinden wir uns jetzt?

Dr. Radunsky: Die Emissionszunahme, die wir derzeit verzeichnen, beschleunigt sich enorm durch die Aktivitäten in Asien. Bei Fortsetzung des aktuellen Trends werden wir 2060 eine Temperaturänderung von bis zu zehn Grad haben. Das ist jenseits von Gut und Böse.

TÜV Times: Was bedeutet dies konkret?

Dr. Radunsky: Kann ich nicht sagen, weil dies so noch nicht durchgerechnet wurde. Was bereits simulier t wurde, sind Temperatursprünge von vier Grad. Das sind die extremsten Annahmen, die bislang kalkuliert wurden. Das sind reale Änderungen der mittleren Jahrestemperatur für nördliche Breiten von 7 Grad im Jahresmittel. Für Österreich sind Änderungen um die fünf Grad anzunehmen. Die Vegetation wird sich grundlegend wandeln. Wenn sich die globale Temperatur um 1 bis 1,5 Grad erhöht, gehen die Schätzungen dahin, dass ungefähr 30 % der Arten vom Aussterben bedroht sind. Wenn der Temperaturanstieg höher wird, fällt diese Ziffer ebenfalls höher aus.

TÜV Times: Ein Anstieg von fünf Grad würde Österreich als Schi-Nation brotlos machen?

Dr. Radunsky: Schneefall wird bestimmt zur Seltenheit. Da wird Schnee in Wien so häufig wie jetzt in Rom.

TÜV Times: Was passiert mit Österreichs Nadelwäldern, die dem feucht-kühlen Klima des Nordens angepasst sind?

Dr. Radunsky: Eines ist klar: Der Wald, wie wir ihn jetzt kennen, wird bei einem durchschnittlichen Temperaturanstieg von mehr als zwei Grad großflächige Probleme in seiner derartigen Zusammensetzung bekommen. Das bedeutet nicht, dass dies nicht zu managen sei. Es gibt ja auch in wärmeren Regionen Wald. Aber es bedeutet, dass man sich von den gegenwärtigen Waldwirtschaftsformen verabschieden muss. Es ändert sich nicht nur die Temperatur. Es ändert sich auch das Niederschlagsverhalten. So wird es bei uns im Sommer wesentlich trockener werden. Und es wird entsprechend mehr Niederschlag im Winter geben. Diese Prognosen sind durch viele Zirkulationsmodelle gestützt. Die Gleichmäßigkeit der Niederschläge wird sich ändern, und Regen wird den Schnee ablösen. Damit geht die Speicherfunktion des Winters mit seiner langsamen Wasserabgabe während der Schneeschmelze verloren. Die Wahrscheinlichkeit von Überflutungen und Trockenheit wird steigen.

TÜV Times: Wird es zu Dürreperioden kommen?

Dr. Radunsky: Auf alle Fälle werden die Trockenperioden zunehmen. Wenn wir in Österreich beispielsweise Trockenperioden von 30 Tagen haben, dann werden dies in Zukunft 60 Tage sein. Es können aber auch 90 Tage werden. Und man kann sich ausrechnen, welche Wirkung dies auf unsere Biologie und Landwirtschaft haben wird. Unsere Kulturpflanzen werden dies nicht oder nur eingeschränkt überdauern können. Man wird sich hier klare Strategien überlegen müssen.

TÜV Times: Wie weit sind diese Konsequenzen zu verhindern oder reversibel?

Dr. Radunsky: Selbst wenn wir in Zukunft die Emissionen auf Null setzen könnten, so hat man durchgerechnet, würde über mehrere Jahrzehnte die Temperatur um 0,1 Grad pro Dekade ansteigen. Wir haben uns also schon auf Grund des bisherigen Ausstoßes von Treibhausgasen einer weiteren Temperaturerhöhung ausgesetzt. Das können wir nicht mehr ändern. Was wir noch in der Hand haben ist, ob wir in diesem Jahrhundert einen globalen Temperaturanstieg um zwei Grad, vier Grad oder sechs Grad haben. Bei den Auswirkungen liegen Welten dazwischen. Das sind die Ziele, um die es bei den gegenwärtigen Klimaverhandlungen geht. Es geht darum, die Emissionen so drastisch herunterzufahren, damit dieses 2-Grad Ziel bis 2060 einzuhalten ist. Das wird schwer zu erreichen sein, weil wir mit unseren bisherigen Emissionen bereits in eine fatale Situation gekommen sind.

TÜV Times: Fatal?

Dr. Radunsky: Ja. Das 2-Grad-Ziel lässt sich nur mehr erreichen, wenn man die Emissionen nicht nur vollständig reduziert, sondern zusätzlich Kohlendioxid aus der Atmosphäre entzieht. Eine Möglichkeit besteht darin, Kohlenstoff, der in Form von Pflanzen gespeichert ist, in Biomassekraftwerken zu nutzen. Bei der CO2-Sequestrierung, einer weiteren Methode, die derzeit auf europäischer Ebene diskutiert wird, wird der Kohlenstoff in geologischen Lagerstätten gebunden – wie unterirdische Kavernen oder leere Öl- und Erdgaslagerstätten. Insbesondere die vorherige Abtrennung des Kohlenstoffs als CO2 erfordert aber einen hohen Energieaufwand. Das Konzept steht und fällt außerdem mit der Leckrate des gespeicherten CO2. Eine umfangreiche Risikoanalyse bei der Auswahl der Lagerstätte, die auf umfangreichen Untersuchungen aufbauen muss, ist dabei unerlässlich. Die Kosten für das gesamte Verfahren sind jedenfalls erheblich.

TÜV Times: Natürlicher Abbau genügt nicht mehr?

Dr. Radunsky: Dafür waren die Emissionen bisher schon zu stark. Es hat noch niemand durchgerechnet, wie viel das alles kosten wird. Es ist aber eine sehr gefährliche Politik, wenn man sich auf diese Technologie verlassen würde. Es ist ein theoretisches Modell. Wie weit die Entnahme von Kohlendioxid und dessen Lagerung in der Praxis und in den notwendigen Dimensionen funktioniert, das bleibt bislang dahingestellt.

TÜV Times: Um welche Mengen handelt es sich?

Dr. Radunsky: Es geht nicht nur um Mengen. Es geht auch um Zeit. In unserem „overshooting scenario“, in dem bereits zu viele Treibhausgase in der Atmosphäre sind und ihre Wirkung entfalten, muss die Rückführung ja in einem Tempo passieren, ohne dass die Temperaturen zu stark steigen. Wir haben daher nicht viel Zeit, um dieses Kohlendioxid zu entnehmen. In unseren Rechenmodellen reden wir von über 10 Milliarden Tonnen CO2 im Jahr, die auf diese Art und Weise aus der Atmosphäre und dem Kohlenstoffkreislauf entnommen werden müssten. Ob dies gelingt, bezeichne ich einmal als höchst unsicher.

TÜV Times: Was bedeutet dies jetzt wirklich?

Dr. Radunsky: Massive Veränderungen im Wettergeschehen sind unvermeidbar. Damit sind auch Anpassungsstrategien unvermeidbar. Wie kommen wir mit unserer Landwirtschaft unter diesen Bedingungen zurecht, wie wird auf die Klima-Migration reagiert, die aus den südlichen Mittelmeerländern zu erwarten ist? Verändertes Niederschlagsverhalten wird den Wasserhaushalt beeinflussen, Extremwetterereignisse werden ganze Landstriche in Mitleidenschaft ziehen. Katrina bleibt da keine Ausnahmeerscheinung mehr. Die Zunahme von Hurrikanen, die sehr großräumig wirken, ist für bestimmte Landstriche erwiesen. Kleinräumige Tornados werden auch in Europa zu einem Wetterphänomen werden. Man hat in Deutschland und in der Schweiz derartige Tornados sehen können, die kleinräumig, aber genauso verheerend waren.

TÜV Times: Gibt es ein Auswegszenario für die derartige Situation?

Dr. Radunsky: Es geht darum, die Emissionen in den Griff zu bekommen. Damit ist nicht nur eine Verlangsamung der Zunahme angesprochen, sondern eine Rückführung des Volumens. Die EU verfügt dabei schon über ein klares Konzept. Dies besagt, dass wir global die Emissionen mit Stand 1990 bis 2050 um 50 % reduzieren müssen. Für Industriestaaten bedeutet dies 60-80 % Reduktion im Vergleich zu 1990. Es wird dabei immer mehr klar, dass es nicht darum geht, dass man die Zunahme in eine Stabilisierung des Treibhausgasausstoßes überführt, sondern dass es um eine drastische Abnahme der gegenwärtigen Emissionen geht. Die natürliche Kohlenstoffsenke, die für den Abbau in der Natur sorgt, ist heillos überfordert. Wir können uns global pro Jahr nicht mehr 1 – 1,5 Milliarden Tonnen Kohlenstoff leisten, die wir in die Atmosphäre emittieren. Ansonsten läuft das System aus dem Ruder.

TÜV Times: Die Ökonomie sagt, dass derartige Anstrengungen die zur Verfügung stehenden Mittel bei weitem übersteigen?

Dr. Radunsky: Man muss bedenken, was die Alternative kostet. Wenn man nur die in Geld bewertbaren Klimafolgen ansetzt, werden 2030 selbst bei den aggressivsten Minderungsszenarien die Klimawandelfolgen die Minderungskosten übersteigen. Dem sei gegenübergestellt, dass bei den gegenwärtigen 24,– € pro Tonne CO2, die im Rahmen des Emissionshandels angesetzt werden, schon viele stöhnen, dass dies an der Grenze der finanziellen Belastbarkeit sei. Es ist unvermeidbar, dass die Kosten und Folgekosten der Emissionen massiv ansteigen werden. Wir werden mit der Klimaänderung und ihren Folgen leben lernen müssen – ob uns dies recht ist oder nicht.

Dr. Klaus Radunsky, Leiter der Stabstelle Internationaler Klimaschutz im Umweltbundesamt
Hitze und Überschwemmungen werden zum Alltag.