Risikomanagement:Weniger Risiko für Produktionsanlagen | |
Der Lehrstuhl Wirtschafts- und Betriebswissenschaften der Montanuniversität Leoben entwickelte ein ganzheitliches Risikomanagement-Modell, um unternehmerische Risikopotentiale zu minimieren. Das wissenschaftliche Modell wurde bereits in mehreren Industrieunternehmen praktisch erprobt.
Unternehmensführung ist in den vergangenen Jahren komplexer geworden. Die Einflussfaktoren haben sich vervielfacht, Entscheidungskriterien wurden undurchsichtiger, die Risikopotentiale haben zugenommen. Vor allem die globale Öffnung der Märkte, die neuen Informationstechnologien und Innovationen, die niedrigen Transportkosten, sowie der Rückzug des Staates haben diesen Trend zumindest beschleunigt. Die Konsequenz für Entscheidungsträger: Wenn sich ihre Unternehmen nicht an diese neuen Bedingungen anpassen, so können daraus existenzbedrohende Entwicklungen resultieren.Trotz der verschärften Risikosituation und des damit verbundenen gestiegenen Interesses besteht jedoch in der betrieblichen Praxis noch eine gewisse Orientierungslosigkeit über die zweckmäßige Ausgestaltung des Risikomanagements. Zurzeit existieren dafür noch kaum geschlossene und praktikable Risikomanagement-Ansätze. Aufgrund des Bedarfes an solchen Ansätzen wurde vom Lehrstuhl Wirtschafts- und Betriebswissenschaften der Montanuniversität Leoben ein ganzheitliches Risikomanagement-Modell entwickelt und in Industriebetrieben praktisch erprobt.
Den Kern des Risikomanagement-Modells (Abbild. 1) bildet die Erkenntnis, dass die systematische Risikohandhabung als strukturierter Prozess abgearbeitet werden sollte (Risikoanalyse, -bewältigung, -kontrolle). Der Risikomanagement-Prozess bildet somit einen wesentlichen Bestandteil des Risikomanagements, obwohl dieses nicht darauf reduziert werden darf, da bei einer ganzheitlichen Risikomanagement-Sichtweise, neben dem Risikomanagement-Prozess, alle relevanten Aspekte der Managementfunktion berücksichtigt werden müssen. Hierzu ist es u.a. notwendig, dass das Risikomanagement strategisch ausgerichtet und in ein umfassendes Führungskonzept einbezogen wird. Diese Sichtweise befasst sich somit mit den gleichen Problemstellungen wie die Unternehmensführung insgesamt, allerdings unter bewusster Betonung der Risikoperspektive. Hierbei muss vor allem auch der Humanaspekt geeignet im Risikomanagement berücksichtigt werden. Des Weiteren muss beachtet werden, dass die erkannten Risiken nicht isoliert betrachtet werden dürfen. Vielmehr müssen die Wechselwirkungen zwischen den Einzelrisiken und deren Bedeutung für das unternehmerische Gesamtrisiko geeignet berücksichtigt werden.
Praktische Umsetzung
Das Risikomanagement-Modell der Abbildung 1 wurde in weiterer Folge vom Lehrstuhl für die Anlagenwirtschaft konkretisiert. Die Bedeutung des Risikomanagements in der Anlagenwirtschaft resultiert vor allem aus der Tendenz, dass zunehmend Arbeit durch Kapital ersetzt wird. Die damit verbundene zunehmende Verkettung und Automatisierung der Anlagen erhöht neben der Anlagenintensität auch deren Komplexität. Aus diesen Faktoren, und zwar aus der hohen Kapitalbindung und Fixkostenbelastung sowie der gestiegenen Anlagenkomplexität und -intensität, resultieren neue Möglichkeiten des Versagens. Dies können beispielsweise Anlagenplanungs-, Amortisations-, Auslastungs-, Anpassungs-, oder Ausfallsrisiken sein. Des Weiteren steigen die Anforderungen an die Anlagenwirtschaft infolge der veränderten Einstellung zur Umwelt und Arbeitssicherheit, der neuen rechtlichen Fragestellungen, sowie durch den erhöhten Kostendruck auf die Anlagenwirtschaft. Diese Risikopotenziale und gestiegenen Anforderungen erklären das zunehmende Interesse der betrieblichen Praxis an risikoorientierten Anlagenwirtschafts-Konzepten. Bei der Anwendung des Risikomanagement-Modells in der Anlagenwirtschaft werden die Modell-Komponenten auf Basis einer Regelkreis-Sichtweise verknüpft.
Die Abbildung 2 zeigt die aus dieser Sichtweise resultierende Integration des Risikomanagements in die Anlagenwirtschaft. Eine wesentliche Herausforderung bei der Anwendung des Risikomanagement-Modells in der Anlagenwirtschaft ist, dass dabei die Abhängigkeiten der einzelnen Anlagenwirtschafts-Funktionen und der weiteren Unternehmensbereichen geeignet berücksichtigt werden müssen. Darüber hinaus sollten jene Risikopotenziale anderer Unternehmensbereiche bei der Anwendung des Risikomanagement-Modells beachtet werden, die die Erreichung der Anlagenwirtschafts-Ziele gefährden können bzw. die durch die Anlagenwirtschaft beeinflussbar sind. Solche Risikopotenziale und Zusammenhänge müssen folglich bei der Formulierung der risikoorientierten Politik, Strategie und Ziele der Anlagenwirtschaft geeignet berücksichtigt werden.
Beim risikoorientierten Anlagenwirtschafts-Konzept des Lehrstuhls wird eine Besonderheit der Anlagenwirtschaft explizit berücksichtig, und zwar das Faktum, dass ein hoch automatisierter Betrieb meist aus einer großen Anzahl von (Maschinen)Einheiten besteht, die grundsätzlich bezüglich ihrer Risikowirkung untersucht werden müssten. Hier gibt es Grenzen: Eine Analyse aller Anlagenelemente nach der risikoorientierten Methode ist aus kapazitiven und wirtschaftlichen Gründen nicht möglich. Daher ist es sinnvoll, die Untersuchung auf risikorelevante Anlagenteile zu beschränken. Bei einer solchen Vorgehensweise kann ein Nachteil der „konventionellen“ Anlagenwirtschafts-Methoden gemildert werden, und zwar die Gefahr, dass einerseits aus wirtschaftlicher Sicht in gewissen Bereichen übermäßig viele präventive Aktivitäten umgesetzt werden und andererseits in risikorelevanten Bereichen solche Aktivitäten zu wenig durchgeführt werden. Dagegen wird bei einer risikoorientierten Analyse der Aufwand auf diejenigen Bauteile konzentriert, die den wesentlichen Risikobeitrag liefern, wodurch wiederum die wirtschaftliche Durchführung der Anlagenwirtschafts-Aufgaben optimiert wird.
Beschränkung auf das Wesentliche
Mit einer ganzheitlichen Risikomanagement-Sichtweise kann vor allem auch das strategische Management unterstützt werden, indem das Risikomanagement in Kernkompetenzbereichen forciert wird. Fehlentwicklungen in diesen Bereichen können so rechtzeitig erkannt werden. Des Weiteren wirkt ein ganzheitlich betriebenes Risikomanagement insgesamt als „Koordinationsinstrument“, da bei einem „gelebten“ Risikomanagement nicht nur funktionsspezifische, sondern auch funktionsübergreifende Risikopotenziale aufgedeckt werden, die aus bestehenden Interdependenzen zwischen den verschiedenen Unternehmensbereichen resultieren. Dieser Aspekt des Risikomanagements ist in der Anlagenwirtschaft deshalb von besonderer Bedeutung, da das Kostenbild und die Risikolage der Anlagenwirtschaft zu einem wesentlichen Teil durch Maßnahmen bestimmt werden, die in unterschiedlichen Entscheidungs- und Funktionsfeldern realisiert werden. Eine Risikoorientierung bietet somit einen Ansatz zur Lösung einer der Kernherausforderungen der Anlagenwirtschaft, und zwar
der Bewältigung der Vielzahl der zwischen den einzelnen Aktivitätsfeldern existierenden Zusammenhänge (innere Komplexität),
der Zuordnung der Anlagenwirtschafts-Maßnahmen zu verschiedenen Organisationseinheiten (Zerlegung des Entscheidungsfeldes),
der Handhabung der großen Anzahl von Außenbeziehungen zu anderen Unternehmensbereichen und zum Unternehmensumfeld (äußere Komplexität).
Mit einer geeigneten Integration des Risikomanagements in die Anlagenwirtschaft kann folglich eine weitere Professionalisierung der Anlagenwirtschafts-Funktion erreicht werden. Dieser Aufgabenstellung sollte sich somit die Praxis zukünftig verstärkt stellen.
Trotz der genannten Vorteile des risikoorientierten Ansatzes muss jedoch auch bewusst sein, dass damit die „eingekaufte“ Anlagen-Lebensdauer nur geringfügig beeinflusst werden kann. Ein hoher Abnutzungsvorrat, die Vermeidung von Konstruktionsfehlern, unzulässige betriebliche Beanspruchungen und unerwünschte Schädigungsmechanismen lassen sich nämlich nur durch eine detaillierte Anlagenkonfiguration (Spezifikation) und durch eine umfassende Qualitätssicherung im gesamten Anlagenlebenszyklus erzielen. Daher muss ein erfolgreiches Risikomanagement schon bei der Anlagenbeschaffung ansetzen und ist somit nur über eine ganzheitliche und integrierte Anlagenwirtschaft möglich.