Der Boom in den Karpaten :

Karpaten Zauber

 

Der TÜV AUSTRIA ist seit einem Jahr mit einem eigenen Tochterunternehmen in Rumänien tätig. Die Realität hat die Pläne um ein Mehrfaches übertroffen. Und der Boom geht weiter.

In den finsteren Zeiten von Ceausescu und Planwirtschaft galt Rumänien als das Armenhaus Europas. Schlagzeilen gab es nur, wenn der Conducator wieder einmal ein Stadtviertel der Hauptstadt in Schutt und Asche legen ließ. Überdimensionierte Regierungsgebäude oder Prachtstraßen sollten anstelle der historischen Baukerne treten. Bekanntermaßen war die Geschichte aber schneller.

Nahezu 20 Jahre später sorgt Rumänien wieder für Aufsehen – als das Land mit der dynamischsten Volkswirtschaft Europas. Es wird gebaut, renoviert und investiert, was die Brüssler Budgets hergeben. Und das ist beträchtlich: Der EU-Finanzplan verspricht den Rumänen bis 2013 mehr als 30 Mrd. Euro an Förderungen für den Wiederaufbau.

Voraussetzung für den Subventionsregen ist, dass die Bukarester Regierung nach dem System der Kofinanzierung die gleiche Summe in den Topf zu schmeißen vermag. „Es herrscht im ganzen Land eine unglaubliche Aufbruchsstimmung“, beschreibt Adolf Morgenbesser die Situation im Karpaten-Land. Arbeitskräfte sind knapp, der Himmel über Bukarest voller Baukräne, die Auftragsbücher voll. Morgenbesser ist im TÜV AUSTRIA für den Aufbau der TÜV AUSTRIA ROMANIA SRL verantwortlich, die im Februar des Vorjahres ihr erstes Büro eröffnete. Aus den anfänglich drei Mitarbeitern wurden in 12 Monaten 19.

Dazu kommt noch einmal die gleiche Zahl an freien Auftragnehmern, die hauptsächlich für die rumänische Niederlassung des TÜV arbeiten. „Wir haben nach 12 Monaten unsere Drei-Jahresziele des Business-Plans erreicht“, erklärt der Auslandsverantwortliche nicht ohne Stolz. Der TÜV AUSTRIA hat sich in wenigen Monaten in Rumänien in eine Position gebracht, die andere Mitbewerber aus Zentraleuropa nach Jahren der Marktbearbeitung nicht einnehmen können.

Hoher Österreichanteil

Ein Drittel der Auslandsinvestitionen in Rumänien kommt aus Österreich, obwohl die Alpenrepublik nur ein Drittel des Landes ausmacht und über keine gemeinsame Grenze verfügt. Ein Rumänien-Symposium der Außenwirtschaft Österreich liefert griffige Zahlen: Derzeit sind bereits 4.200 österreichische Beteiligungen vor Ort tätig und haben rund 10 Mrd. Euro investiert. 130.000 Rumänen arbeiten inzwischen für österreichische Tochterunternehmen.

Die Übernahme des Mineralölkonzerns Petrom durch die OMV, die jährlich zwischen 800 Mio. und einer Milliarde Euro in Rumänien investiert, sowie der Kauf der Banca Comerciala Romana S.A. (BCR), der größten rumänischen Bank, durch die heimische Erste Bank haben das Österreichkonto in den Investitionsstatistiken gehörig aufgefüllt. Eben diese Menge an großen und kleinen österreichischen Unternehmen am rumänischen Markt stellt ein ungeheures Auftragspotential für die Auslandstochter des TÜV AUSTRIA dar. „Viele der Investoren in Rumänien sind Kunden des TÜV AUSTRIA, die uns aufgefordert haben, sie doch nach Rumänien zu begleiten“, beschreibt Adolf Morgenbesser die Ausgangssituation.

Der TÜV AUSTRIA agierte daher nicht ins Blaue: Die beiden Raffinerien der OMV-Tochter Petrom bieten für Druck- und Kesselspezialisten ein gewaltiges Tätigkeitsfeld. Die Petrom unterzieht derzeit die Prozessanlagen Petrobrazi in Ploesti und Arpechim in Pitesti (Gesamtkapazität von 8 Mio. Tonnen Rohöl im Jahr) einem intensiven Investitionsprogramm. Sicherheit ist dabei ein Thema, das in diesen Anlagen noch nie in dieser Intensität verfolgt wurde wie in den beiden vergangenen Jahren.

Netzwerker

Über Erwarten stark entwickelt hat sich die Nachfrage nach Zertifizierungsdienstleistungen. Es hat sich gezeigt, dass der Bedarf im Bereich der Zertifizierungen unter den rumänischen Unternehmen derzeit das Angebot weit übersteigt. „Wer unter den rumänischen Unternehmen in den EU-Raum exportieren möchte, braucht Qualitätsnormen“, begründet Morgenbesser die Nachfrage nach allen Formen der Auditierung. Der TÜV erntet dabei die Früchte einer Strategie, die in allen Internationalisierungsschritten eingehalten wurde. „Wer in einem fremden Markt Geschäfte machen will, muss mit den Bürgern des Marktes arbeiten“, so Morgenbesser. In Rumänien sei dies noch dringlicher: „Rumänen legen eine große Sensibilität gegenüber allem an den Tag, was als Bevormundung ausgelegt werden könnte“, weiß Morgenbesser, der rund eine Woche pro Monat in Bukarest verbringt. Für die Startphase ist mit Johannes Salcher ein einziger Österreicher in Geschäftsführerfunktion vor Ort, ansonsten arbeiten ausschließlich rumänische Staatsbürger im TÜV AUSTRIA Romania. Auch die Spitzenposition wird nach der Firmenkonsolidierung an rumänische Manager übergehen. Morgenbesser: „Rumänen sind begnadete Netzwerker.

Ing. Adolf Morgenbesser

Wer etwas geregelt bekommen möchte, sollte jemanden kennen.“ Und wer Aufträge akquiriert, sollte jemanden kennen, der jemanden kennt. „Wir hatten das Glück, gleich zu Beginn zwei sehr erfahrene Mitarbeiter zu gewinnen, die den Markt und seine Akteure wie ihre Westentasche kannten“, erzählt der TÜV AUSTRIA-Ingenieur. Die neuen Mitarbeiter sorgten für einen raschen Bekanntheitsgrad des TÜV AUSTRIA Romania in der Branche.

Herkömmliche Managementmethoden versanden im Lande ohne Widerhall. Adolf Morgenbesser weiß von ersten Versuchen zu berichten, Personal über Headhunter und Inserate zu suchen: „Ich bekam es mit 25- bis 30-jährigen Bewerbern zu tun, die völlig ohne Branchenerfahrung waren und das Dreifache des marktüblichen Gehaltes verlangten.“ Die Österreicher wurden in ihrer Mitarbeitersuche erst erfolgreich, als sie begannen, im Bekanntenkreis der rumänischen Kollegen und Kunden nachzufragen: „Auf einmal hatten wir die Interessenten, die zu uns passten.“

Architektonisch erweitertes, früheres Direktionsgebäude der Ceausescu Regierung. Heute Symbol des „neuen Rumäniens“

212 km Autobahn

Der Wirtschaftsaufschwung Rumäniens wird durch riesige Infrastrukturprojekte bewegt. Treiber des Booms ist das Füllhorn Brüssels. Die Fördermilliarden sollen ein Land an die EU-15 heranbringen, dessen Infrastruktur nur auf Plänen existiert. Die Aufgaben sind dabei gigantisch. Im ganzen Land gibt es 220 km Autobahn, von denen ein Viertel immer gesperrt ist. 2020 sollen es laut Infrastrukturplan 1.800 km sein.

Die Stadtverwaltung Bukarest arbeitet an einer Generalüberholung der Stadt. 160 Hauptstrassen werden neu asphaltiert, Brücken, Überführungen und Unterführungen gebaut sowie Straßenbahngleise ersetzt. 20 Innenstadt-Parkhäuser mit einer Kapazität von 14.400 Parkplätzen sollen Raum schaffen in einem Chaos, das einen Transfer über mehrere Bezirke untertags nahezu unmöglich macht. Stadtdurchquerungen, die 1990 in 30 Minuten zu erledigen waren, dauern heute drei bis vier Stunden.

Die Deckung von Bedarf und neuen finanziellen Möglichkeiten zeitigt ein BIP-Wachstum von 5-8 % jährlich. Der österreichische Handelsdelegier te in Bukarest, Walter Friedl, kommt geradezu ins Schwärmen, wenn er über die „Chancen für Österreicher in diesem Land“ spricht: „Wir befinden uns derzeit in einem Zeitfenster, in dem die Nachfrage das Angebot weit übertrifft. Die Märkte sind noch nicht aufgeteilt.“ Und er treibt die heimischen Entscheidungsträger zur Eile: „Hier haben auch kleine Gewerbetreibende alle Chancen. Für einen Junior-Chef eines Installationsbetriebes stehen alle Tore offen. Der kann sich die Baustelle aussuchen.“

Stärkstes Wachstumshemmnis ist der Mangel an Facharbeitern. Allein der Baubranche fehlen 500.000 Arbeiter. Das rumänische Arbeitsmarktservice tourt bereits durch Spanien und Großbritannien, um durch Informationskampagnen zumindest einige der zwei Millionen Exilarbeiter nach Hause zu holen. Die Resonanz ist im besten Falle zögerlich.

Dabei sind die Löhne im rasanten Steigflug. Der Netto-Durchschnittgehalt liegt bei 300-500 Euro außerhalb von Bukarest, wobei vor allem die Staatsdiener für das niedrige Niveau verantwortlich sind. In anderen Wirtschaftsbereichen spielt Geld derzeit weniger Rolle. Ein ausgebildeter Rumäne mit Fremdsprachenkenntnissen, der im mittleren Management eines Unternehmens tätig ist, verdient zumindest gleich viel wie ein Österreicher in vergleichbarer Position zu Hause. Auch Facharbeiter können sich mittlerweile eines Lohnniveaus erfreuen, das sich mit dem ihrer österreichischen Arbeitskollegen messen lässt. 2007 stiegen die rumänischen Löhne im Schnitt um 20 %, bei einer Inflationsrate von 6,8 % ein echter Reallohn-Zuwachs. Die höchsten Löhne werden im Bankwesen, im Ingenieurwesen, in der Buchhaltung und im Vertrieb gezahlt, dort ist man in Rumänien fast auf EU-Niveau.

Ausdehnung

Der TÜV AUSTRIA Romania ist derzeit dabei, über die Hauptstadt Bukarest hinaus Aktivitäten im ganzen Land zu entfalten. Nach den Anfängen in einem Bukarester Vorort auf 60 m2 unterhält der TÜV AUSTRIA Romania seit Sommer das Hauptbüro in Bukarest sowie zwei Außenstellen an den Raffinerien in Ploesti und Pitesti. Niederlassungen in Temesvar und Craiova wurden bereits eröffnet, weitere sind geplant. „Wir wollen für unsere Akademieund Zertifizierungsaktivitäten ein deckendes Netz im ganzen Land aufbauen, um von den Entwicklungen in der Hauptstadt unabhängiger zu werden“, begründet Morgenbesser die frühe Offensive. Zudem sei der Bedarf in den rumänischen Provinzen an Ausbildung und Zertifizierungswissen immens, „ohne dass es nennenswerte Anbieter gäbe“, so Morgenbesser. Viele Unternehmen mit ausländischer Beteiligung haben sich entlang der Grenze Ungarns angesiedelt, von wo aus Heimatstandorte in Zentraleuropa von den LKWs noch in einer Tagesfahrt erreicht werden können. „Wir spüren in diesen Regionen eine unbändige Nachfrage nach technischen Dienstleistungen unseres Hauses“, zeigt der TÜV-Mitarbeiter die kommende Marschrichtung.

Besondere Hoffnung setzt Morgenbesser auf die Einrichtung einer Abteilung für Sonderprüftechnik, die bald forcier t werden soll. Dabei werden Untersuchungen an Rohrleitungen und Druckkörpern durch digitale Radiografie oder Schallemissionsprüfungen durchgeführt, ohne dass die Anlagen abgestellt werden müssen. Dafür braucht es hohe Investitionen, aber Morgenbesser ist zuversichtlich, „in diesem Markt einen raschen Return on Investment erwirtschaften zu können“.

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FACTS & FIGURES

Länderprofil Rumänien:

Fläche.............................................238.391 km2

Bevölkerung...........................................21,6 Mio.

Hauptstadt Bukarest...............................1,9 Mio.

Inflation 2006...............................................4,9 %

Wirtschaftswachstum 2006......................7,9 %

BIP/Kopf....................................................4.400 €

Arbeitslosigkeit...........................................5,4 %

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