Porträt:

Reserven für Österreich

 

Das österreichische Energieunternehmen RAG nahm im Sommer 2007 Österreichs größten Erdgasspeicher im salzburgischen Haidach in Betrieb. Damit wurden die heimischen Speicherkapazitäten für Erdgas verdoppelt. Der TÜV AUSTRIA war während der gesamten Bauzeit im Auftrag der Bauherren vor Ort.

Haidach hatte immer goldenen Boden. Auf den Feldern rund um den kleinen Weiler an der oberösterreichisch-Salzburger Grenze (Gemeinde Seewalchen) wurde vor genau zehn Jahren der größte österreichische Erdgasfund seit 1982 gemacht. Aus dem Schoß der Flachgauer Erde wurden seit Beginn der Produktion im Jahre 1998 über 2,9 Mrd. m³ des kostbaren Energieträgers für den österreichischen Markt gefördert. Das entspricht nahezu einem Drittel des österreichischen Jahresverbrauchs an Erdgas. Die Erdgaslagerstätte wurde 1997 durch den Einsatz modernster geophysikalischer Methoden von der Rohöl-Aufsuchungs AG (RAG) gefunden, der ältesten Mineralölgesellschaft Österreichs.

Die RAG holte bereits 1936 das erste heimische Öl aus den Tiefen in Zistersdorf. Mittlerweile verfügt das Unternehmen über Konzessionsgebiete mit Schwerpunkten im oberösterreichischen und salzburgischen Alpenvorland und dem bayrischen Chiemgau. Die Fördermengen tragen dazu bei, dass Österreich rund 20 % seines Bedarfs an Erdgas von nahezu 10 Mrd. m³ aus den Tiefen der eigenen Scholle decken kann.

Dipl.-Ing. Markus Mitteregger, Vorstandsdirektor für den Geschäftsbereich Erdgasspeicherung der RAG

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Die RAG nutzte in Haidach eine einzigartige geografische und geologische Konstellation: Über 20 Millionen Jahre lang wurde in Haidach in über 1.600 Metern Tiefe von der Natur selbst Erdgas gespeichert und mit mächtigen Tonschichten abgedichtet. Nun, nach der Förderung des natürlich vorhandenen Erdgases, wird diese natürliche Lagerstätte zum größten Erdgasspeicher Österreich. Mit Investitionen von über 250 Millionen Euro wird der Speicher im Endausbau bis zu 2,4 Mrd. m³ Erdgas lagern. Damit verdoppeln sich die heimischen Speicherkapazitäten von bislang 2,5 Mrd. m³. Haidach ist europaweit der zweitgrößte Speicher nach dem bundesdeutschen Rheden, wo die deutsche WinGas bis zu 4 Mrd. m³ bevorraten kann. WinGas ist neben Gazprom und der RAG der dritte Partner bei der Errichtung von Haidach.

Österreich kann mit den neuen Speichervolumina seine Erdgaslager von 30 % auf nahezu 50 % seines Jahresverbrauchs ausbauen. Damit verfügt die Alpenrepublik über das weichste Ruhekissen aller EU-Staaten. Deutschland kann 22 % seines Jahresverbrauchs einlagern, Frankreich 26. Bislang waren laut EUROSTAT die erdgasorientierten Staaten Slowakei (38 %) und Tschechien (32 %) die Speicherchampions in der EU.

Markus Mitteregger, zuständiger Vorstandsdirektor für den Geschäftsbereich Erdgasspeicherung der RAG, nennt den neuen Erdgasspeicher „einen Meilenstein für die Energiesicherheit Europas und damit Österreichs“.

In Zukunft solle der RAG-Geschäftsbereich Erdgasspeicherung auch im Ausland deutlich forciert werden.

Erdgasspeicher stärken Versorgungssicherheit

Erdgasspeicher gleichen die täglichen Schwankungen des Erdgasverbrauchs aus. Im Winter muss der doppelte Tagesverbrauch eines durchschnittlichen Sommertages in das heimische Netz eingespeist werden. Geliefer t wird der gasförmige Energieträger aber auf Basis langjähriger Verträge in gleichbleibender Bandbreite. Angesichts des hohen Importbedarfs von über 80 % – 60 % kommen aus Russland, der Rest aus Norwegen und Deutschland – ist die Zwischenspeicherung von Erdgas in unterirdischen Speichern das Um und Auf einer sicheren Erdgasversorgung. „Österreich ist im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern in der glücklichen Lage, über hervorragende geologische Bedingungen für Erdgasspeicher zu verfügen. In Österreich wird doppelt so viel Erdgas bevorratet wie im EU-Durchschnitt“, betont RAG-Vorstand Mitteregger. Die geostrategische Position des oberösterreichischen Speichers ist dabei zentral: Haidach ist durch eine 39 km lange Pipeline mit einem Durchmesser von 900 mm an den deutsch-österreichischen Erdgasknotenpunkt Burghausen/Überackern angebunden, der den Zugang zu allen wichtigen europäischen Versorgungsnetzen für Erdgas sichert.

Die RAG nutzt in Haidach einen speziellen Vorteil der heimischen Geologie. Die Nachnutzung ausgeförderter Lagerstätten als Erdgasspeicher ist europaweit nur in wenigen Regionen möglich. „Wir sehen uns derzeit mit Hilfe von Expertenstudien ganz genau an, welche österreichischen Lagerstätten sich noch für die Nachnutzung als Erdgasspeicher eignen. Die Zukunft der Energiesicherheit Europas steht und fällt nicht zuletzt mit der Möglichkeit, Erdgas auf Lager zu haben“, skizziert Mitteregger die weiteren Pläne der RAG. Interessant bleibt die Konstellation der Eigentumsrechte an dem Speicher: Die österreichischen Erdgaslagerstätten sind Eigentum des Staates Österreich. Der RAG wurden vom Staat Österreich ver traglich die Nutzungsrechte für die Lagerstätte Haidach übertragen. Die RAG hat dabei die Auflage, diese gegen Speicherzins bestmöglich und nachhaltig zu nutzen und zu verwerten.

Premiumprojekt für TÜV

Die erste Ausbaustufe des Speichers Haidach wurde in zwei Jahren projektiert und umgesetzt. Mehr als 300 Spezialisten aus ganz Europa waren daran mit mehr als einer Million Arbeitsstunden beteiligt. Von Anfang an mit dabei waren auch die Experten des TÜV AUSTRIA. Mitarbeiter der Standorte Linz und Salzburg teilten sich dabei die Aufgaben und waren während der gesamten Bauphase vor Ort. Peter Exenberger, Projektverantwortlicher für den TÜV, bezeichnet Haidach als „eines der herausforderndsten Projekte der letzen Jahre. Wir sind stolz, dass die Arbeiten und die Inbetriebnahme so reibungslos geklappt haben“.

Der TÜV wurde von den Bauherren mit der gesamten Baugruppenbewertung beauftragt: Dabei handelt es sich um ein umfassendes Konzept, um eine aus Einzelgeräten und Einzelteilen bestehende Anlage sicher zu einem funktionierenden Ganzen zu gestalten. Die Baugruppen beim Projekt Haidach umfassen zahlreiche verschiedene Einsatzgebiete, die Sachkenntnis aus sehr unterschiedlichen Fachbereichen erfordern. Die zuverlässige Beurteilung der Gesamtsicherheit derartiger Einheiten ist daher nur durch eine Gruppe von Experten möglich. „Das Projekt Haidach war ein mustergültiges Beispiel für das Zusammenspiel von verschiedenen Fachkollegen und echte Teamarbeit zwischen Linz und Salzburg“, schwärmt der Linzer Standortleiter Christian Braun.

Der TÜV Austria war auch für die sicherheitstechnische Überprüfung der Anlagen vor der Inbetriebnahme zuständig. Die Spannbreite reichte dabei von der Erstabnahme sämtlicher Drückgeräte der Anlage bis zur Dichtheitsprüfung der kilometerlangen Rohranlagen. RAG-Vorstand Mitteregger: „Der Schutz der Umwelt und höchste Arbeitssicherheit sind unsere wichtigsten Anliegen. Der Erdgasspeicher Haidach wurde nach den höchsten Umwelt- und Sicherheitsstandards errichtet und wird in der Zukunft genauso betrieben.“

Ideale Voraussetzungen

Die Erdgaslagerstätte Haidach ist im Hinblick auf die Nachnutzung als Erdgasspeicher eine „Bilderbuch-Lagerstätte“. Sie erstreckt sich über 17,5 km2, der Sandstein, in dessen Poren das Erdgas eingelagert ist, hat eine Mächtigkeit von etwa 100 m und ist von massiven Tonschichten überlagert. Als Lager sind dabei nicht Hohlräume zu verstehen. Es handelt sich um verfestigte Sandsteinkörper mit unzähligen, miteinander verwobenen Poren. in denen das Erdgas gespeichert wird. Der Energieträger wird bei der Speicherung in poröses Gestein gepumpt. Aufgrund der hohen Durchlässigkeit des Speichergesteins kann pro Stunde etwa eine Million Kubikmeter Erdgas aus dem Speicher entnommen werden.

Hilfe im Alltag

Die RAG war an den TÜV herangetreten, um ein ganz spezielles Problem zu lösen. Dem behinderten Sohn einer unmittelbar neben dem Ergasspeicher wohnenden Haidacher Familie war es verwehrt, mit dem Schul- und Taxibus transportiert zu werden. Grund: Die behördlichen Zulassungsstellen in Linz haben dem benötigten Spezialsitz für den Buben die offizielle Zulassung versagt. Das Transportunternehmen wollte daraufhin keine Haftung übernehmen. Drei Jahre lang wurde die Angelegenheit verschleppt, bis sich die Mitarbeiter des Linzer TÜV-Büros auf Bitte der RAG einschalteten. Diese versorgten die Familie und das ausführende Bandagisten- Unternehmen mit den nötigen Tipps, damit der umgebaute Spezialsitz mit den richtigen Papieren versorgt werden konnte. Kurze Zeit darauf wurde der dringend benötigte Sitz geliefert.

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