100 Jahre Technisches Museum

 

Das Technische Museum Wien feiert heuer die hundertste Wiederkehrs einer Grundsteinlegung. Frische Konzepte machen das Haus zu einem der führenden Museen in einer an Ausstellungshäusern reichen Bundeshauptstadt. Mit Wilhelm Franz Exner (1840-1931) verweisen das Technische Museum und der TÜV AUSTRIA auf denselben Gründervater.

Das Technische Museum Wien (TMW) in seiner Gesamtheit zu kennen ist unmöglich. Lediglich 10 % aller gesammelten Stücke erblicken im kontinuierlichen Wechsel einen Besucher. Der weitaus überwiegende Rest der Exponate schlummert in Depots und Archiven. Sonderausstellungen bieten Gelegenheit, die manchmal skurrilen Sammlungen auch abseits des „Ausstellungsmainstreams“ zu zeigen. So kann derzeit jeder TMW-Besucher die Entwicklungsstufen der Herzschrittmacher während der letzten 50 Jahre verfolgen. Die Ausstellung wurde bis November 2009 verlängert.

Es finden sich im Fundus aber noch andere Schätze. So verfügt das TMW über eine Glasaugen-Sammlung von wahrscheinlich globaler Einzigartigkeit und eine der bedeutendsten Prothesen-Kollektionen des alten Kontinents. Auch die Messer-Sammlung des Hauses besitzt internationalen Umfang. Die meisten dieser Artefakte finden ihren Weg in das Museumsarchiv über Nachlässe privater Liebhaber, die die Früchte ihrer oft lebenslangen Bemühungen in berufenen Händen wissen wollen.

„Das Aufbewahren von Exponaten für die Nachwelt zählt zu den wesentlichen Aufgaben eines Museums, selbst wenn die Gegenstände aus heutiger Perspektive nicht dauerhaft ausgestellt werden“, erklärt die Geschäftsführerin von Österreichs einzigem umfassenden technischen Museum, Dr. Gabriele Zuna-Kratky, seit 1999 Lenkerin der Geschicke des Technischen Museums Wien. Die wissenschaftliche Arbeit des Hauses geschieht abseits des öffentlichen Interesses. Zuna-Kratky: „Unsere wissenschaftlichen Mitarbeiter wühlen sich buchstäblich durch die Archive. Denn der Großteil der Exemplare wird ohne genaue Hintergrundinformation an unser Haus übergeben.“ Es ist Aufgabe der Exper ten, die Stücke nach ihrer Herkunft zu katalogisieren, sie wenn möglich zu datieren und in den technischen Entwicklungsfluss einzuordnen. "Dabei kann es hin und wieder vorkommen, dass sich eines der verstaubten Exponate als technologiegeschichtliches Juwel entpuppt“, schwärmt die Direktorin. Ein weites Feld innerhalb der Museumsorganisation umfasst die Reparatur und Instandhaltung der Exponate.

Technisches Museum Wien

Hier sind ausgesprochene Experten am Werk, die sich um die Konservierung der alten Holzteile am Marcus-Auto (das älteste, im Original erhaltene Benzinautomobil der Welt) oder um die Bekämpfung der Oxydation beim Gräf-Pkw kümmern (Baujahr 1895-97, der als erstes Fahrzeug der Welt über einen Vorderradantrieb verfügte). „Qualität und Ansehen eines Museums bestimmen sich eben nicht nur durch seine Ausstellungsstücke“, verweist Zuna-Kratky auf die vielschichtigen Aufgaben ihres Museums. Ein musealer Leistungskatalog hat viele Seiten.

Jubiläum

Es war ein Sonntag, als Kaiser Franz-Josef höchstpersönlich die Grundsteinlegung zum neuen Technischen Museum durchführte. Das schöne Wetter des 20. Juni 1909 hatte laut „Neue Freie Presse“ „zu dem Festakt sehr zahlreiches Publikum“ angelockt, „das den Festplatz und die Linzer Straße besetzt hielt.“ Die Wiener gingen anlässlich der Gebur tsstunde des Museums „Kaiser schauen“, ein sonntäglicher Zeitvertreib, dem stadtweit und schrankenlos gehuldigt wurde. Das Blatt fand es auch berichtenswert, dass bei der Gelegenheit Bürgermeister Karl Lueger dem Kaiser von „seinem Bluterguß in den Augen“ erzählte, was den damals 79-jährigen Monarchen hoffen ließ, „dass sich dieser bald rückbilden werde.“ So liest sich monarchischer Small-Talk.

Die Grundsteinlegung ist der Anlass, dass das Technische Museum 100 Tage lang sein 100 Jahre Jubiläum feier t. Von 13. März bis 21. Juni 2009 will sich das Museum als „offener Kommunikations- und Wissensraum für verschiedenste Interessen und Menschen unterschiedlichster Herkunft präsentieren“, wie es in einer Aussendung heißt. „Es darf debattiert, ausprobiert, spielerisch auseinandergesetzt, gefeiert und auch nüchtern betrachtet werden“, verspricht Zuna-Kratky. Das Programm ist in den 100 Festtagen dicht: Es gibt Workshops zur Schokoladenproduktion, ein Konzert mit Musikautomaten aus dem Jahre 1909, Führungen hinter die Kulissen in die Depots des Technischen Museums Wien, und ein neues Kinderdiskussionsformat. Zum Höhepunkt und Abschluss der Jubiläumsfeierlichkeiten wird von 17. bis 21. Juni 2009 das Museum hundert Stunden durchgehend geöffnet sein. Namhafte Kulturschaffende und originelle Beiträge werden die Jubiläums-Feiern zu einem letzten Höhepunkt und Abschluss bringen.

TMW meets TÜV

Der Beschluss zur Gründung eines Technischen Museums für Industrie und Gewerbe in Wien wurde anlässlich des 60 Jahre Regierungsjubiläums des Kaisers im Jahre 1908 gefasst. Neben dem Conservatoire des Arts et
Métiers in Paris und dem Science Museum in London gab vor allem das Deutsche Museum München das große Vorbild ab, dessen Leiter als einer der Ehrengäste zur Grundsteinlegung nach Wien geladen war.

Wien verfügte zu diesem Zeitpunkt über eine Mehrzahl kleinerer technikorientierter Museen wie das Eisenbahn- und Post-Museum oder das Technologische Gewerbemuseum. Es war Wilhelm Franz Exner (1840-1931), Entwickler der berufsbildenden Schulen in der Monarchie, langjähriger Rektor der Universität für Bodenkultur in Wien und Pionier des österreichischen Mess- und Prüfwesens, der die Zusammenführung der verstreuten Bemühungen über Jahrzehnte gegen die einzelnen Sonderinteressen betrieb. Er machte die Gründung eines Technischen Museums zu seinem Lebenswerk. Gleichzeitig war Exner einer von zwei Gründervätern des heutigen TÜV AUSTRIA und jahrzehntelang Präsident der Vorgängerorganisation des TÜV, der Dampfkesseluntersuchungs- und Versicherungs-Gesellschaft a.G. Als kleine Reverenz an die gemeinsamen Wurzeln des TMW und des TÜV ist der Vorstandsvorsitzende des TÜV AUSTRIA, Dipl.-Ing. Dr. Hugo Eberhardt, Mitglied des Vorstandes der „Gesellschaft der Freunde des Technischen Museums Wien.“

Das Technische Museum, das Ende 1913 für die Einrichtung zur Verfügung stand, wies eine überbaute Fläche von 9.600 m2 und eine Ausstellungsfläche von 15.600 m2 auf. Der Erste Weltkrieg verhinderte eine rasche Eröffnung des völlig neu erbauten Hauses: Die Einweihung des damaligen Technischen Museums für Industrie und Gewerbe fand erst am 6. Mai 1918 statt, noch während des letzten Kriegsjahres. In den folgenden Jahrzehnten standen für Instandhaltungsarbeiten nur bescheidene Mittel zur Verfügung. Daher verlor das Gebäude im Laufe der 80er Jahre so an Substanz, dass eine Generalsanierung nicht länger aufzuschieben war.

1992 wurde das Haus geschlossen, und im Juli 1994 begannen umfangreiche Sanierungs- und Umbauarbeiten. Seit der Wiedereröffnung 1999 verfügt das TMW über zusätzliche 6.000 m2. Die neue Eingangshalle, das Foyer,
die neuen Ausstellungsräume im Sockelgeschoss und im Erdgeschoss versprechen seither dem Besucher zusätzliche Exponate und Programme.

Das TMW verfügt heute über 22.000 m2, die pro Jahr von 300.000 Besuchern betreten werden. „Wien hat heute eine Museumsdichte, die einer Fünf-Millionen-Stadt entspricht“, verweist die Museumsdirektorin auf einen hochstehend geführten Wettbewerb zwischen den einzelnen Kulturinstitutionen der Stadt.

Ortsbestimmung

„Bis 1992 folgte unser Haus einem sehr konventionellen Konzept“, beschreibt Gabriele Zuna-Kratky vergangene Ansätze einer Museums-Präsentation. Mit ihrer Übernahme des´Direktorats brach das TMW mit der traditionellen
Form der plakativen Präsentation: „Wir wollen einen veränderten Museumsbegriff mit Leben füllen“, beschreibt die Museumsmanagerin ihre Sicht der Dinge. „Sobald ein Museum museal wird, hat es seinen Auftrag verfehlt. Ein Besucher will heute eine Geschichte erzählt bekommen. Er wolle spüren, was es bedeutet hat, Anfang der 50er Jahre an einem LD-Schmelztiegel der Voest gearbeitet zu haben.“

Sie verwahrt sich in ihrem Museumskonzept aber gegen jede Form der Event-Präsentation: „Wir sind kein Disneyland.“ Diesen – sehr erfolgreichen – Weg haben amerikanische Technik-Museen eingeschlagen. Das Smithsonian Institute in Washington stellt das Beben von San Francisco 1906 auf einem rüttelnden Zimmerboden inklusive animiertem Feuersturm nach. „Für unsere Begriffe geht das zu weit. Die wissenschaftlich korrekte Präsentation des technischen Fortschritts bleibt ein unverrückbares Postulat. Das heißt ja nicht, dass es fad sein muss“, zieht die promovierte Soziologin ihre Trennlinie.

Der TÜV AUSTRIA gratuliert zum 100 Jahre Jubiläum des Technischen Museums und zu zehn Jahren modernen Museumsmanagements.

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